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Was ist eine innere Krise überhaupt?

Sie ist vielfältig an Symptomen und das Resultat aus inneren Dysbalancen, die häufig schon sehr sehr früh entstehen.

Nochmal von vorne – was hat die Vergangenheit damit zu tun?

Wenn wir auf die Welt kommen, sind wir mit einem neuen Computer zu vergleichen. Unsere Festplatte ist mit dem nötigsten zum Überleben ausgestattet und bietet viel Platz für Erfahrungen und Emotionen. Unsere Sinne (Sehen, Fühlen, Schmecken, Hören, Riechen, Tiefensensibilität) haben die Aufgabe Reize/Informationen an unser Gehirn weiter zu geben und unser Gehirn filtert wichtig von unwichtig, speichert ab und lernt. Permanent.

Nehmen wir an, ein Säugling schreit. Liebende Eltern erhören das Schreien, beruhigen den Säugling und erfüllen ihm sein jeweiliges Bedürfnis. Der Säugling zieht aus dieser Erfahrung „Okay, die Situation war furchtbar, ich dachte womöglich das ich sterben muss, weil ich nicht beschützt werde, oder mein Hunger nicht erhört wurde, aber zum Glück sind Mama und/oder Papa da, ich bin nicht allein, ich werde geliebt“. Der Cortisolspiegel (Cortisol – Stresshormon) war kurzzeitig erhöht, aber ist wieder gesunken.

Nehmen wir nun an, ein Säugling schreit, aber keiner kommt für eine sehr lange Zeit. Der Säugling mit seinem Bedürfnis wird nicht erhört. Die normale Reaktion des Säuglings ist Todesangst. Sein Angstzentrum im Gehirn läuft auf Hochtouren, Stresshormone durchströmen seinen kleinen Körper… Welche Erfahrung zieht der Säugling aus dieser Situation? „Um Himmels Willen, ich werde nicht geliebt, nicht umsorgt, ich bin fast gestorben. Mein Überleben ist stark bedroht…“. Der Cortisolspiegel hat ggf. kaum Zeit wieder zu sinken.

Muss der Säugling diese Erfahrung nun immer wieder machen, entsteht in seinem Gehirn eine Art überpräsentes Angstnetzwerk und er lernt auch im späteren Leben, bei jeder leicht angstbehafteten Situation, mit einer hilflosen Reaktion zu reagieren. Wir müssen anfangen wie die Person in seinem aktuellen Entwicklungsstand zu denken. Für uns ist mal eine Runde alleine sein nicht schlimm, wir sind erwachsen und in unserer Erfahrung weit genug. Für diesen Säugling aber, bedeutet das Alleinsein unter Umständen gerade Todesangst.

Wie reagieren wir bei Angst?

Es gibt 3-4 Arten, wie wir auf eine gefährliche oder angsteinflößende Situation reagieren und die Entscheidung darüber, welche Art wir benutzen, prägt sich schon ganz früh.

Fight

Flight

Freeze

Der Säugling ist zu hilflos um in den Fight-Modus zu gehen, er kann auch nicht flüchten (flight), also was bleibt ihm, er erstarrt (freeze). Die 4. Art auf eine gefährliche oder angsteinflößende Situation zu reagieren, wird fawn (Rehkitz) genannt. Das ist ein unterwerfendes Verhalten, welche wir im Tierreich (Unterwerfung des Hundes, um der Dominanz des Menschen und somit seinem Willen zu unterliegen) oft sehen, aber eben auch unter uns Menschen.

Bei diesem Beispiel sehen wir nun, dass es nicht nur darauf an kommt OB wir negative frühkindliche Erfahrungen sammeln, sondern auch in welchem Alter. Waren wir als Säugling geschützt und behütet und erfahren im späteren Leben angsteinflößende Situationen, ist die Wahrscheinlichkeit mit fight oder flight zu reagieren größer. Natürlich gibt es weitere Faktoren die dabei berücksichtigt werden müssen. Die Gene, die Umwelt, die Lebensumstände etc., spielen in der Entwicklung ebenfalls eine Rolle. Wichtig für uns ist, dass unser Gehirn stetig lernt und Erfahrungen abspeichtert, damit wir daraus ziehen können, wie wir uns verhalten müssen um unser Überleben zu sichern. Ein starkes Grundnetzwerk kann uns dabei helfen im späteren Leben belastende und angsteinflößende Erfahrungen besser zu verarbeiten.

Angst ist ein wichtiger Ursprung vielen Übels in unseren späteren Entwicklung. Es gibt zahlreiche psychische Belastungen, die auf den Ursprung Angst zurück zu führen sein können. Zum verdeutlichen hier ein paar Beispiele:

  • Eine 8- Jähriger verprügelt in der Schule ständig andere Mitschüler und ist allgemein schnell auf 180- Ist er jetzt vom Typ her einfach ein A….? Wir müssen hinterfragen wo seine Aggressionen und sein bewusstes Angsteinflößen herkommen…Es nützt keinem wirklich viel, dieses Verhalten einfach immer wieder zu maßregeln, aber nie zu schauen welche Gefühle/Erfahrungen dahinter stehen. Das Ziel eines jeden Therapeuten sollte es sein, die Ursache für sein Verhalten heraus zu finden und ihm zu helfen seine Anspannungen abzubauen. Jedes Verhalten hat einen Grund!!!
  • Ein 16 jähriges Mädchen ritzt sich die Arme – Ist sie jetzt irre? Emotional instabil – Borderline? Ein hoffnungsloser Fall? Nehmen wir ihr einfach die Rasierklingen weg? Im Inneren dieses Mädchens sind tiefe Anspannungen und höchst wahrscheinlich tiefe Trauer. Wir müssen hin hören und erforschen wo der Grund dafür liegt. In meiner Praxis berichten Menschen mit selbstverletzendem Verhalten, dass es ihnen eine Art Entspannung gibt, oder manchmal, wenn das Blut aus der Schnittwunde fließt, das Blut auf sie wie eine Reinigung von Schuld wirkt. Es ist wissenschaftlich nachgewiesen, dass der Cortisolspiegel (Cortisol – unser Stresshormon) nach einem selbstverletzenden Verhalten sofort sinkt. Diese furchtbare innere Anspannung hat einen Ursprung, sie ist ihnen ja nicht einfach so zugeflogen. Jedes Verhalten hat eine Ursache!!! Es ist natürlich richtig dem Mädchen Alternativen anzubieten, damit es das nächste Mal keine Rasierklinge, sondern vielleicht ein Gummiband am Arm ist, mit dem sie den Stressabbau alternativ bewirken kann. Auch ist es gut wenn sie lernt ihre Anspannung auf einer Skala zu bewerten, damit sie bemerkt, wenn „das Fass voll ist“….Das alles reicht aber NICHT für die Heilung. Heilung erfahren wir meiner Meinung nach durch das Auflösen dieser inneren Anspannung, der Trauer im Herzen, der Aufarbeitung der vielleicht traumatischen Vergangenheit.
  • Ein Junge mit ADHS hat nachweisbar häufig einen zu hohen Cortisolspiegel. Durch seine Überreizung und dem nicht mehr regulierbaren Impuls, bekommt er sich überhaupt nicht mehr in einen entspannten Zustand. Kein Wunder also, dass er hibbelig ist, ggf. aggressiv wird, einfach schnell wütend, schreit. Wohin mit der ganzen Anspannung? Auch dieser Junge hat möglicherweise ein Trauma erlebt und ich spreche bewusst von Trauma. Vielleicht ist es kein Erlebnis von einem klinisch beschriebenen schwerwiegendem Ereignis welches ein Trauma wissenschaftlich rechtfertigt…aber was kann es denn schlimmeres geben als Todesangst und wer entscheidet darüber wann man diese empfinden darf und wann nicht? Vielleicht hat dieser Junge frühkindlich erfahren müssen, dass seine Mama alkoholkrank war und ihn oft hat schreien lassen, weil sie selber nicht mehr konnte, oder ihm wenig Beachtung hat zukommen lassen. Vielleicht waren Mama und/oder Papa psychisch selber nicht in der Lage für sich selbst, geschweige denn für den kleinen Jungen zu sorgen…Psychisches Leid kann auch durch mangelnde Liebe entstehen und der kleine Junge weiß nicht was Alkohol oder was eine Depression ist. Er kann sich auch nicht entspannen und sich sagen „Ja, Mama hatte es in ihrer Kindheit auch nicht leicht, ich höre mal auf Liebe zu beanspruchen..“. Jedes Verhalten hat eine Ursache!!!
  • Ein Soldat kehrt aus dem Krieg zurück nach Hause und entwickelt eine Posttraumatische Belastungsstörung (PTBS). Ist er jetzt ein Weichei, weil er seine Erlebnisse nicht professionell weg steckt? Worunter leiden die Betroffenen einer PTBS: Erhöhte Reizbarkeit, Schreckhaftigkeit, Schlafstörungen, Albträume, Nachhallerinnerungen (Flashbacks, sprich, immer wiederkehrende Sequenzen schlimmer Erlebnisse), Suchtgefahr (Warum? Alkohol und Drogen wirken anxiolytisch (angstlösend) und mindern das Grübeln, sie entspannen uns, zumindest während der Wirkung), Suizidalität (Selbstmordgedanken bis Handlungen, weil der Ausweg fehlt), sozialer Rückzug und vor allem Vermeidungsverhalten (Unfallstelle meiden etc.). Wir sehen also auch hier, der Umgang mit Cortisol und vor allem seine Regulierung, fällt den Menschen mit einer PTBS schwer….und wo kommt das her? Jedes psychische Leiden hat eine Ursache!!! Der Soldat musste neben evtl. biologischen und/oder sozialen Faktoren, vielleicht schon frühkindlich „überleben“ und „kämpfen“.

Klinisch sprechen wir bei psychischen Erkrankungen die auf ein traumatisches Erlebnis folgen, von sog. Traumafolgestörungen.

Dazu zählen:

  • Regulationsstörungen
  • Bindungsstörungen
  • Emotionale Störungen, Angststörungen
  • Störungen des Sozialverhaltens
  • ADHS
  • Oppositionelles Verhalten (negatives, trotziges oder sogar feindseliges Verhalten)
  • Bipolare Störungen im Kindesalter (manisch-depressiv)
  • Substanzmissbrauch (Drogen, Alkohol)
  • Selbstverletzung – Suizidalität
  • Störungen der Persönlichkeitsentwicklung
  • Affektive Störungen (Depressionen etc.)
  • Dissoziative Störungen (Multiple Persönlichkeit, „Wie neben sich stehen“ uvm.)
  • Psychosomatik

Auch gab es bereits ACE-Studien (Studie über belastende Kindheitserfahrungen) die nachgewiesen haben, dass Menschen mit frühen traumatischen Erfahrungen eher und stärker an bestimmten Krebserkrankungen leiden können, stärker auch erneut Opfer werden können, stärker an chronischen Erkrankungen leiden wie z.B. Autoimmunerkrankungen, Herzerkrankungen, COPD…, Opfer von Gewalt, werden, eher noch als Menschen ohne frühkindlichen traumatischen Erfahrungen, später selbst zum Täter usw. usw..

Was kann ich heute noch tun, wenn in meiner Vergangenheit nicht alles so lief wie gewünscht?

Begeben Sie sich mit professioneller Unterstützung auf die Suche nach der Ursache, der Wurzel Ihres Leidens. Geben Sie sich Zeit diese Erfahrungen zu verarbeiten und neu zu verknüpfen, damit Sie dann mit einem gestärkten Grundnetzwerk, zufrieden weiterleben können. Eine ganz wichtige Grundlage für Ihre Genesung ist eine vertrauensvolle Beziehung zu Ihrem Therapeuten/Ihrer Therapeutin.

Ohne Vertrauen wird Sie Ihr Bewusstsein immer ein wenig misstrauisch schützen und es Ihrem Unterbewusstsein nicht erlauben sich zu öffnen. In Ihrem Unterbewusstsein sitzen die Gefühle zu Ihren Erfahrungen. Ihr Bewusstsein fungiert wie eine schützende Schicht, die nach all dem Leid und den negativen Erfahrungen erst davon überzeugt werden muss, dass es ein bisschen Pause machen darf und der/die Therapeut/Therapeutin seinen Job für die Zeit der Ursachenforschung übernimmt.

Der Umgang im Alltag ist ein weiterer wichtiger Punkt. Befinden Sie sich aktuell in einem belastenden Umfeld, oder einer belastenden Situation, sprechen Sie diese Problematik während der Therapie unbedingt an. Kämpfen Sie für die Unterstützung Ihrer Genesung und holen Sie Ihr Umfeld „mit ins Boot“.

Zum Abschluss ein Zitat einer meiner Patientinnen, nachdem wir die Ursache ihrer Leiden gefunden und aufgelöst haben:

Puh, ich habe das Gefühl ich bin 100kg leichter, die ganze Last der letzten Jahre scheint mir von den Schultern gefallen zu sein!

47 Jahre, jahrelange Angstzustände und Depressionen

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